DEFS179

XXIV Woche im Jahreskreis – Sonntag

Das Heil ist individuell

Er [Jesus] sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. […] Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. […] Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. […] Da ging er in sich und sprach: […] Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. […] Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Lk 15,3-24

„Silvia, was machst du denn hier? Komm nach Hause zurück“. „Lass mich in Ruhe, Vati, ich bin schon verloren“. „Du bist nicht verloren, denn ich liebe dich noch, ich liebe dich noch mehr als vorher!“. Silvia und mein Freund Ivan umarmten einander lang am Rand der Straße, und weinten zusammen. Diese Szene geschah vor dreißig Jahren, in einer Winternacht auf einem Gehweg im Mailander Stadtrand. Vor einem Jahr hatte Silvia das Vaterhaus verlassen und, nachdem sie  schlechten Umgang gehabt hatte, hatte sie sich in der Droge verloren. Um sich die tägliche Dosis zu leisten, wurde sie eine Prostituierte in Dienst eines Zuhälters, der sie alle Tage schlug, damit sie mehr Geld kassierte. Silvia ist heute eine frohe Frau und Mutter zwei schon geheirateter Kinder, die ihr vier Enkel gegeben haben. Vor dreißig Jahren hatte Ivan aber seinen anderen Sohn in Sicherheit mit der Mutter gelassen und war mehr als einen Monat die Welt der Droge und der Prostitution durchgefahren, um seine Tochter zu suchen.

Das ist die Erinnerung, die mir einfällt, wenn ich über die drei Gleichnisse der Stelle von heute nachdenkt, denn bei jener Gelegenheit tat Ivan genau wie der Herr, der, um einen einzelnen verlorenen Menschen zu retten, alle anderen, die geborgen sind, verlässt, um ihn zu suchen. Alles endet mit der Freude des Feierns: „Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war“ und „Freut euch mit mir, denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte“ und „Bringt das gemästete Kalb und schlachtet es; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“. Es ist wahr, dass die Botschaft des Evangelium allen Menschen gerichtet ist, aber die Befreiung und das Heil, die es mitbringt, sind individuell. Wir können sagen, dass der Herr ein bevorzugtes Verhältnis mit allen hat, und, falls er Vorliebe hat, hat er sie für die Sünder. Wir denken, nun, an die Szene von Jesus am Kreuz. In jener Menge, die aus Juden, die ihn gekreuzt wollen, Römern, die in Dienst da sind, aus Furcht irgendwo versteckten Aposteln und vier Menschen unter dem Kreuz besteht, verkündigt er nur dem reuigen Räuber das Heil: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23, 43). Sobald er für das Heil aller Menschen aller Zeiten und aller Orte stirbt, ist er froh für das individuelle Heil jenes Manns, der verloren war und sich wieder gefunden hat. Diejenigen, die stattdessen versucht haben, die Welt durch verschiedene Weise als die Christliche zu retten, konnten nur allgemeine ideologische, philosophische oder revolutionäre Vorschläge formulieren. Der Herr allein wirkt um das Heil aller und jedes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.